Sonntag, 4. März 2012

Stieg Larsson: Verblendung

(kein Buchcover)
Dies ist der erste Roman einer dreiteiligen Reihe, die hierzulande als Millenium-Trilogie bezeichnet wird.
1. Verblendung - 2. Verdammnis - 3. Vergebung

Nachdem das Genre des Kriminal-Thrillers mit Tendenz zu expliziter Gewalt einen solch populären Siegeszug in die Bücherregale der Leser erlebte, bin auch ich neugierig geworden. Die Fernsehverfilmung zur Stieg Larssons Trilogie kannte ich bereits. Also wollte ich dem Phänomen auf die Spur kommen und tauchte einen Roman lang in die Welt eines Journalisten der renommierten Zeitschrift Millenium ein und begleitete seine unheimlichen Ermittlungen.

Der kritische und investigative Journalist Mikael Blomkvist erhält einen Auftrag von Henrik Vanger, dem ehemaligen Chef des gleichnamigen Familien-Konzerns. Vor 37 Jahren ist seine Großnichte Harriet spurlos verschwunden. Er ist fest davon überzeugt, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Keine der Ermittlungen der damaligen Zeit ergaben irgendwelche Erkenntnisse. Doch mit der Zeit hat der alte Henrik Vanger immer noch nicht abgeschlossen mit dem Verlust der damals 16-jährigen Harriet. Er will einen letzten Versuch starten, die Umstände ihres Todes zu beleuchten. Darum will er einen seriösen und kompetenten Journalisten auf den Fall ansetzen. Der Auftrag soll nach außen hin getarnt werden. Offiziell verfasst Mikael Blomkvist lediglich eine Familienchronologie des Vangerclans.
Unterstützung holt er sich bei der introvertierten Hackerin Lisbeth Salander, die ein dunkles Geheimnis mit sich herum trägt. Gemeinsam recherchieren sie die Familienarchive und stoßen auf eine seltsame Mordreihe, die sich durch besondere Grausamkeit und einen rituellen Bestrafungscharakter auszeichnen.
Kurz darauf erhalten sie eine unmissverständliche Drohung und ihnen wird klar, dass sie hier keinem historischen Geheimnis auf der Spur sind, sondern einem bis heute aktiven Serienkiller, der ihre Recherchen mit Argusaugen beobachtet.



Der Roman spielt sich in einem sehr simplifizierten und affirmativen Weltbild ab. Zum Einstieg für jedes Kapitel wird eine Kennzahl aus schwedischen Statistiken zum Thema “Gewalt gegen Frauen” genannt. Dies liest sich dann folgendermaßen:
18% aller schwedischen Frauen über fünfzehn sind schon einmal von einem Mann bedroht worden. [Einstieg in Teil I]
und soll damit wahrscheinlich verdeutlichen, dass zu diesem Thema in der realen Welt echter Handlungsbedarf existiert. Diese Hinweisschilder mit Blick auf das reale Schweden schwimmen jedoch einsam und allein in einer Story, die in Sachen Praxistauglichkeit und Glaubwürdigkeit ziemlich eindeutig als Fiktion betrachtet werden kann.
Der übergeordnete Aufhänger des Romans, nämlich der Auftrag des Industriellen Henrik Vanger an einen Journalisten und dessen anschließende Recherchen klingen nach einer Geschichte, die sich so tatsächlich abspielen könnte. Auch nicht unwahrscheinlich ist es, dass bei diesen Recherchen unangenehme Details der Familie ans Tageslicht gelangen.
Im Laufe des Buches bemerkt man allerdings, dass diese scheinbar völlig grundsolide Handlung in einer Welt abspielt, in der gewisse erwartungsuntermauernde Grundprinzipien herrschen. Das wichtigste Grundprinzip lautet hierbei, dass Großindustrielle prinzipiell kriminell, rücksichtslos und gierig sind (und die Wirtschaft des Landes okkupieren etc.). Sehr wichtig ist hierbei, dass man ihnen die angeprangerten moralischen Defizite auch immer ansieht und dass sie von der restlichen Welt entsprechend behandelt werden müssen.

Wennerström und sein engster Kreis von jungen Börsenmaklern, Teilhabern und Armanigekleideten Rechtsanwälten wurden so portraitiert wie jede beliebige Bande von Bankräubern oder Dealern.
Die Welt der Reichen macht den Eindruck, als handle es sich dabei um einen separaten, abgegrenzten Kosmos, der den Geist des darin Lebenden verändert, sodass früher oder später Psychopathen heraus kommen müssen. Der letzte Grundsatz von Larssons fiktiver Welt bezieht sich auf die Frau in ihrer Funktion als Opferrolle. Frauen, die in einem Machtgefälle zu einem Mann stehen, haben hierbei fast die Garantie dafür, dass diese Machtverhältnisse ausgenutzt und sie Opfer von Übergriffen werden.

Sicherlich, das Erschaffen dieser besonderen (stark übertriebenen) Bedingungen ist womöglich einfach notwendig, um die eigentlich gewünschten Inhalte unterbringen zu können. Schlussendlich geht es in Verblendung um gerechten Zorn, um Auflehnung gegen die niederen Wesenszüge im Menschen, um ihre Anklage und um Rache. Es geht um latente Aggressionen, Machtfantasien oftmals sexueller Natur und ihre besonders grausame Auslebung. All das gehört eben auch in das Genre, zu dem Stieg Larssons Millenium-Trilogie zugeordnet wird. Irgendetwas muss dieses Genre seinen Lesern geben, sonst würde es sich nicht derartiger Beliebtheit erfreuen (man denke an Jussi Adler Olsen, der aktuell drei Bücher unter den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste platziert hat).
Was den Reiz dieses Genres ausmacht, habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten bereits mehrmals versucht, herauszufinden - leider ohne brauchbare Ergebnisse. Nach dem Lesen dieses Buches vermute ich, die Leser reizt (natürlich neben der Spannung beim Jagen eines Mörders) das Gefühl der allgegenwärtigen Gefahr, der Machtlosigkeit, das Ausgeliefertsein gegenüber einem unbekannten Verbrecher, der es auf den Protagonisten und damit auch auf den Leser abgesehen hat. Es reizt womöglich das Kribbeln im Bauch beim Gedanken daran, dass permanent zwei glühende Augen auf den Protagonisten gerichtet sind und der Überfall immer völlig überraschend über ihn hereinbricht. Sobald der Überfall erfolgt ist, sieht sich das Opfer vollkommen wehrlos. Bei Verblendung waren die Opfer fast immer gefesselt und nackt, denn natürlich hat der Übergriff meist sexuellen Charakter. Es ist ein SM-Spiel, Dominanz und Unterwerfung. Zwar wird die Gewalt unglaublich grausam, übertrieben und grundlos an dem Opfer ausgelebt - was zurecht die Bezeichnungen Folter und Vergewaltigung verdient - jedoch ist der Leser ja selbst freiwillig dabei, er hat die Garantie auf Unversehrtheit und er kann jederzeit das Spiel abbrechen, indem er das Buch zuklappt.

Im Gegensatz zu den gebräuchlichen Krimi-Romanen (mit denen ich nach mehreren Versuchen einfach nicht warm werde), gibt es keine klassische Polizeiarbeit mit Verhören, Verdächtigten und die übliche Polizei-Knochenjob-Arbeitsweise. Stattdessen schaut man einem unkonventionellen Jounalisten bei der Arbeit über die Schulter, was sich angenehm und nicht so dienstlich anfühlt.
Insgesamt ist es Ziel des Romans, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen und zu halten. Das Beschreiben von Handlungen, Schauplätzen und Personen leistet ihren Teil dazu. Sprachlich ist das Buch daher nicht beeindruckend (Larsson hält sich für meinen Geschmack zu viel an Kleinigkeiten auf und benutzt die Sprache eben als Mittel zum Zweck, nicht wie ein scharfes Schwert, was mit einem Streich Welten zerstört oder auferstehen lässt)...


Es ging ums Image. Miltons Image war konservative Stabilität. Salander passte in dieses Bild ungefähr so gut wie ein Schaufelbagger in eine Bootsausstellung.
...aber das wurde ja auch nicht gewollt. Ungereimtheiten im kleineren Stil fallen zwar ins Auge, aber für die Handlung selbst spielt es augenscheinlich keine Rolle, da sowieso keine realistische Geschichte erzählt werden soll.
Wer Liebhaber dieser Literatur ist, kann sich bei Verblendung eine neue Dosis wohligen Gruselns abholen. Ob der Roman im Vergleich zu anderen Werken des Genres gut oder irgendwie herausstechend ist, kann ich aus mangelnder Referenz nicht einschätzen. Besonders barbarisch wird Larsson bei den Übergriffen jedenfalls nicht. Reichlich vorhandene Szenen von Vergewaltigungen werden gentlemanlike angedeutet, aber deutlichere Handlungen ausgespart und auch Beschreibungen von körperlichem Verfall (Stichwort Knochen-Fleisch-Matsch, Maden und anderes Ekelgewürm) haben in diesem Roman keinen Gastauftritt. Alles in allem ist es eine unsittliche Handlung in einem völlig übergeschnappten Klischee-Universum, jedoch noch sittlich erzählt. Wer wie ich auch mal ein Experiment wagen will, muss vor diesem Buch keine Angst haben. 

Kommentare:

  1. Ein geniales Symbolfoto hast du da für diesen Roman gestaltet, wenn du das immer so gut löst kannst du gern nur noch E-Books lesen.

    Inhaltlich merkt man natürlich ziemlich deutlich das dir der Roman gegen den Strich ging, da ich aber auch nicht viel Erfahrung mit den Genre habe wird wohl offen bleiben, ob gerade Stieg Larsson überbewertet ist oder ob der Roman eben genau so sein muss. Ich habe auch schon Rezensionen gelesen, die explizit die hohe Moral des Romans loben, womit man wohl auch davon ausgehen kann, dass es Menschen gibt die seine Handlung für plausibel halten und damit die Warnung vor solchen Vorgängen für nützlich erachten. Damit wäre, außer wohligem Grusel als weiterer Grund für das Lesen dieses Romans angenommene Relevanz möglich.

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    1. Danke für die Symbolfoto-Blumen.
      Was den Roman angeht, bin ich tatsächlich nicht Fan geworden, das stimmt. Aber es ist nicht so, dass er mir gegen den Strich geht. (Kommt das so rüber? Falls ja, nehme ich das hiermit zurück)
      Er hat andere Ansprüche als alles, was ich sonst gern lese - das habe ich ja in der Rezi auch hoffentlich nachvollziehbar benannt - und dementsprechend gibt es eben Besonderheiten in der Erzählweise, Inhalt und mancherlei Stilmitteln. Wenn man die einbezieht, ist der Roman als solcher ein plausibles Ergebnis - setzt beim Leser aber eine gewisse Zuneigung zum Genre voraus, sonst hat der keinen Spaß beim Lesen (so wie ich).
      War mal ein spannendes Experiment, aber keine Offenbarung.

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  2. gratuliere, eine sehr gelungene buchvorstellung. soweit ich mich erinnere, war mein eindruck damals, daß ich das buch gelesen habe, eifrig und schnell, aber nicht sagen konnte, warum... ;-)

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    1. Vielen lieben Dank für das Lob :-)
      Ja, was die Faszination dieser Buchreihe ausmacht, bin ich auch noch nicht wirklich erhellt. Vielleicht findet sich hier ein begeisterter Leser, der mehr Licht ins Dunkel bringen kann und uns sagt, was an Stieg Larsson wirklich fesselnd (Achtung: Wortspiel *g*) ist.

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