Donnerstag, 12. Januar 2012

Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen

Und wieder eine Erzählung Birgit Vanderbekes, die obendrein 1990 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Ich kann mir nicht helfen, aber ihre Erzählungen lösen bei mir so etwas wie eine Lese-Sucht aus. Obwohl oder gerade weil der Erzählstil so einzigartig ist?!

In diesem Falle geht es um einen Familienvater, der aufgrund seiner unplanmäßigen Nichtanwesenheit von den verbliebenen Familienmitgliedern regelrecht seziert wird.

Alles beginnt mit der Vorbereitung eines Freitag-Abend-Essens, da der Vater von einer Dienstreise zurückerwartet wird. Im Anschluss an diese Dienstreise sollte eine Beförderung erfolgen und zu diesem besonderen Anlasse hatte sich der Vater auch Muscheln gewünscht. Es gab offenbar immer Muscheln zu besonderen Anlässen; besondere Anlässe den Vater betreffend.

Die Erzählung lässt sich gut mit einem Puzzle vergleichen. Es beginnt mit den einfachen Teilen und diese passen sich schnell und zügig in das Bild ein. Eine Familie: Mutter Lehrerin, Tochter und Sohn Schüler und Vater Emporkömmling. Der Vater ursprünglich aus einfachen Verhältnissen stammend, hat nur ein Lebensziel: kein höherer sondern gleich höchster Angestellter werden. Mit jeder Beförderung wurde das eigene Auto größer, Anzüge trug man ja schon lange nicht mehr von der Stange und anfänglich hatte man Konzertabonnements, um mit der ganzen Familie „gesehen zu werden“, später besuchte dann die Wagner-Festspiele, was den Aufstieg beschleunigen sollte.

Blöd ist natürlich, wenn man eine Familie hat, derer man sich schämen muss.

Eine Frau, seiner Meinung nach ungebildet, von Beruf zwar Lehrerin und für sämtliche niederen Arbeiten wie Haushalt etc. gut genug. Für die alltäglichen niederen Arbeiten hegt er nur Verachtung, selbstredend konnte er diese auch nicht ausführen. Seine Kinder sollten dies auch nicht und als die Mutter einmal im Krankenhaus lag, brach dementsprechend der Haushalt zusammen.

Eine Tochter, die ausgesprochen unhübsch auf die Welt kam und sich auch nicht zu bessern gedachte; die heimlich Klavierspielen übte, gute Noten schrieb, heimlich Bücher las und sich heimlich mit Nachhilfekursen Geld verdiente.

Ein Sohn, der hingegen ein Sonnenschein war, ein buchstäblich freundliches Kind, der aber vom Vater als verweichlicht angesehen wurde; der keinen Fußball spielen konnte und sich auch partout nicht dafür interessierte, in der Schule nicht der Beste war, aber seiner Mutter heimlich im Haushalt half, wenn das Oberhaupt auf Dienstreisen war.

Während der Warterei auf den Vater, die von den drei unzulänglichen Familienmitgliedern keineswegs als traurig oder besorgniserregend erachtet wird, drehen sich die Gedanken um den Vater. Die Familiengeschichte wird mit jedem Puzzleteil – und Dank einiger Flaschen Spätlese - deutlicher, die Vorstellung des Patriarchen von einer perfekten Familie und die Mittel, derer er sich bediente, um diese durchsetzen zu wollen. Er kommt gänzlich ohne Verbote aus – Verbote sind in einer richtigen Familie unnötig – vielmehr ist sein Wort Gesetz. Er, der mittels logischer Schlussfolgerungen, messerscharfem Verstand und körperlicher Gewalt die Familie führt.

Fazit: Ein großartiges Buch, welches in seiner schlanken Form – nur 109 Seiten – über einen familiären Tyrannen berichtet, wie es ihn sicher – in unterschiedlichen Versionen – in fast jeder Familie gibt.

Kommentare:

  1. Hm :-)
    Als ich "Geld oder Leben" fertig hatte, habe ich mich auch schon auf die Spur gemacht nach weiteren Büchern Vanderbekes. Muschelessen stand auch bei mir ganz oben auf dem Favoriten-Stapel. Da weiß ich ja gleich, was ich mir als nächstes von Dir ausleihen werde :D
    Klingt wieder wunderbar nach meinem Geschmack.

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  2. Hiho,
    diesmal hatte ich es aus der Bibliothek ausgeliehen...
    ...aber ich kenn da eine Uni-Bibo in Deiner Nähe ;o)

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