Samstag, 14. Januar 2012

Antonia Baum: Vollkommen leblos bestenfalls tot

Eine glückliche, langanhaltende Liebe zwischen Mann und Frau – gibt es das überhaupt? Kann das funktionieren? Ist es nicht meist so, dass zunächst einer der Partner, später beide, unglücklich werden, sich einander satt haben, voreinander fliehen, sich zu hassen beginnen und schließlich totunglücklich vor den Überresten ihres ehemaligen gemeinsamen Lebens stehen? Und was geschieht dann?
Der Debutroman von Antonia Baum hat sich diese Fragen gestellt. Eine Mögliche Antwort darauf konnte sie auch finden. Es ist vielleicht nicht die angenehmste Antwort.

Erzählt werden die Beobachtungen und Erfahrungen einer namenlosen Ich-Erzählerin. Sie lebt zunächst bei ihrem Vater Götz und dessen Freundin Astrid und geht noch zur Schule. Ihre leibliche Mutter hatte sich vor einigen Jahren scheiden lassen, was einen erbitterten Rechtsstreit nach sich zog. Zwischen Götz und Astrid läuft es derweil auch längst nicht mehr rosig, sie streiten laut und langanhaltend miteinander. Astrid versucht, mit ihren Innendekorationsanfällen eine heile Katalog-Welt in das Haus zu verpflanzen und Götz ist einfach nur ein egomanes Arschloch, was einzig und allein für seine Karriere, seine gestreiften Anzüge und für Kundengespräche am Handy lebt.
So wächst die Protagonistin auf, beobachtet mit Giftpfeilen versprühenden Blicken ihr verwachsenes Elternhaus und wünscht sich mit jedem Tag, all das schnellstmöglich hinter sich zu lassen.
Kaum hat sie ihren Abschluss geschafft, zieht sie fluchtartig aus. Sie will alles besser machen, sie will genauso leben, wie sie es sich wünscht. Nicht wie Götz und seine verschmähte Astrid, sondern glücklich. Doch die Beobachtungen, die sie fortwährend beschreibt, ändern sich nicht zum Guten. Auch außerhalb des katalogkonformen Zuhauses gibt es verachtenswerte Menschentypen, die sich auf das Verachtenswerteste verhalten.
Die Ich-Erzählerin findet sich in einem Wald voller Repliken ihres häuslichen Familienscherbenhaufens wieder und weiß sich nicht zu helfen.


Das gesamte Buch ist eine langanhaltende, wenig zuversichtliche Gesellschaftskritik. Sie beschäftigt sich mit den Stereotypen aktueller Frau-Mann-Beziehungen (die allerdings zugegebenermaßen sehr stereotyp geraten ist) und vor allem mit dem Problem, wie man in ein unglückliches Leben hinein schlittern kann, obwohl man bei allen Entscheidungen immer darauf bedacht ist, dieses Unglück zu vermeiden.
Die Geschichte hört sich aus der Sicht eines Schulmädchens, das selbst die schlimmsten Vorbilder als Eltern hat, distanziert und angewidert an. All diese abgewrackten Psychos, die auf den Straßen herum wandeln und heile Welt spielen wollen, obwohl sie innerlich kurz vorm Selbstmord stehen - all das kann sie nicht verstehen und noch viel weniger akzeptieren. Diese unglücklichen Erwachsenen könnten ihre Lage doch ganz einfach ändern, einen neuen Anfang machen und endlich wieder glücklich werden. Nur sie tun es nicht! Das ergibt keinen Sinn für sie. Für die angeprangerten Erwachsenen findet sie immer wieder bildhafte und verblüffend treffende Beschreibungen.

Er ist sein Anzug geworden, denke ich, eine linierte Hülle, die von einem Brocken gefüllt wird. Die Hülle marschiert über graue Teppiche durch getaktete Tage und ist inzwischen völlig ohne Bewohner.
Doch als sie die Schule hinter sich hat und sie das Leben eines Erwachsenen beginnt, lernt sie völlig von selbst, dass sich nie immer alles so entwickelt, wie man es plant. Die weiteren Schilderungen ihrer Erfahrungen und ihres Schicksals nehmen sehr schnell eine genauso trostlose Grundstimmung an wie die anfangs genüsslich zerrissenen Adult-Psychos. Die Geschichte ist lebensverneinend, macht traurig und wütend.

Wut ist genau das richtige Stichwort, mit dem man die Sprache von Antonia Braun vorstellen kann. Das gesamte Buch sprüht förmlich davon. Wenn die Ich-Erzählerin das Komplett-Versagen ihrer Erziehungsberechtigten ausweidet, dann hat man das Gefühl, sie wollte den angesprochenen Personen jedes Wort ins Gesicht drücken, bis sie zu heulen anfangen würden. Im späteren Verlauf äußern sich diese Wut direkt in Form von Tagträumen und Gedankenspielereien. Wenn die Protagonistin mit ihren verhassten Arbeitskollegen am Meeting-Tisch sitzen und eine Runde Wichtigtuerei spielt, geht ihr in der Fantasie mehr als einmal die Kettensäge durch.
Dazu gesellen sich kürzere Ausflüge ins Reich der weggetretenen Vorstellungskraft, die sehr stark an Helene Hegemanns morbide Fiktionen aus dem Reich des Disco-internen Drogenkonsums erinnern. So plötzlich, wie derartige Eruptionen das Buch heimsuchen, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Ich als Leser blieb danach meist eher ratlos zurück, denn diese Fantasien konnten der Geschichte keine Substanz beisteuern - außer die Feststellung “Die ist/ wird verrückt” und “Das wird morgen einen Kater geben”. Auch wenn wir es hier mit einem Debutroman zu tun haben und die Autorin zum jungen Alterssegment gehört, wirkt dieses ziellose Feuerspeien insgesamt etwas pubertär.
Die nicht-drogeninspirierte Ausdrucksweise von Antonia Baum hingegen liest sich gut, baut schnell eine ansprechende Stimmung auf und erinnert mit ihren Hypotaxen an Birgit Vanderbeke (wobei ein langer Satz hierbei nicht als umständliche Konstruktion von Haupt-, Neben-, eingeschobenen Neben- und Schachtelsätzen zu verstehen ist, sondern eher ein Zusammenkleben mehrerer Sätze durch “und” oder andere Bindewörter). Anfangs mag das gewöhnungsbedürftig sein, hat aber auch seinen Charme. So verlieren sich ihre gewitzten Beobachtungen in den langen “Satzgebirgen” doch nicht, sie werden lediglich dramaturgisch ein wenig aufgeforstet :-)

Aber der Zeitungsmensch hat trotzdem die Kritik in seinem Kopf völlig haltlos herumstehen, die ihm immer wieder aufträgt, geh bitte schön kritisieren und was der Zeitungsmensch, der ordnungsgemäße Zeitungsmensch, dann macht, ist, er nimmt sich etwas, das irgendwer produziert hat und stellt es hinter sein kritisches Sprach-Gitter, er vernagelt es mit den allerbilligsten Bausätzen und schmiert seinen Standardleim, den handelsüblichen, den ironischen, den zynischen - den, den er immer benutzt, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, dass er ihn benutzt -, diesen Standardleim schmiert er überall dazwischen und verklebt damit einem ganzen Land den Kopf. Schließlich schaut der Zeitungsmensch sich den Text-Verschlag an, den er auf die unselbständigste Weise gezimmert und zusammengeschmiert hat. Er schaut ihn an und denkt: Ich, der Zeitungsmensch, habe etwas richtig gemacht, weil ich kritisch gewesen bin, wie auch die Zuschauer denken, sie hätten etwas richtig gemacht, weil sie etwas Kritisches gelesen haben.
Wer sich von diesem Zitat nicht abschrecken lässt, stattdessen ein Schmunzeln auf den Lippen hatte und wer auch ein klein wenig Mut zum Experimentieren hat, kann sich Antonia Baum ohne Bedenken in den Bücherschrank stellen.

Kommentare:

  1. Muss zugeben hat mein Interesse geweckt. Der ewig Konflike mal wahrheitsgemäß dargestellt scheinbar, auch wenn die "Monstersätze" mir nicht so gefallen.

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    1. Das klingt nach einem Buch nach meinem Geschmack. Obwohl ich nicht viel mit der von Dir beschriebenen Wut, in der das Buch geschrieben wurde, anfangen kann. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.

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    2. Lass mich überlegen, wie diese Wut am besten umschrieben werden könnte...
      Die Erzählerin beschreibt erstmal, was sie an ihren Mitmenschen beobachtet ABER erstens konzentriert sie sich vollends auf die negativen Eigenschaften, die sie finden kann und zweitens macht sie all diese schlechten beobachteten Eigenschaften den betreffenden Personen zum Vorwurf.

      Sie eröffnet diesen Mitmenschen, dass sie versagt haben und dass sie übrigens auch selbst dran schuld sind und weil das so ist, hasst die Protagonistin sie. Weil sie versagt haben, unglücklich darüber sind und noch nicht einmal zustande bringen, an dieser Lage etwas zu ändern. Diesen Hass breitet sie später auch auf sich selbst aus.

      Die Erzählerin hasst ihre Mitmenschen ganz wortwörtlich. Sie schwelgt regelmäßig in Tagträumen, in denen sie ihren Familienmitgliedern oder Bekannten den Schädel einschlägt, selbst ihren Freund hat sie in ihrer Fantasie schon aufs Blutigste massakriert.

      Wenn Du es liest, wirst Du merken, wie es bei jeder Textzeile der Vulkan brodelt und ab und zu Lavafetzen an die Oberfläche schleudert.

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