Montag, 28. November 2011

James Ellroy: Die Schwarze Dahlie


Ein Thriller der gleichzeitig ein historischer Roman sein will? Ein Roman über Liebe und Wahnsinn? Ein Polizeikrimi und eine Gesellschaftssatire? Hollywood und Tijuana? Geht das wirklich alles zusammen in ein Buch? Na ja doch, irgendwie schon, aber da muss der Autor schon der größte Kriminalautor aller Zeiten sein oder zumindest der mit dem größten Selbstbewusstsein! 



Der grausame Mord an Elizabeth Short 1947 in Los Angeles erschuf einen Stoff der bis heute die Fantasie der Amerikaner umtreibt wie der von Jack the Ripper die der Europäer. So lebt die Geschichte weiter, nicht zuletzt weil James Ellroy dem realen Mordfall eine fiktive Lösung gab und ihm damit noch mehr Spannung verlieh. Der Mord ist immer noch so faszinierend gruselig, dass Brian de Palma die Geschichte 2006 mit Josh Hartnett und Scarlett Johansson verfilmte und das Material 2011 Teil des Computerspiels L.A. Noire wurde.


Worum geht es im Buch? Dwight „Bucky“ Bleichert der Ich-Erzähler des Romans, ist ein Ex Boxer, der versucht, sich im Polizeidienst des Los Angeles der 40er Jahre nach oben zu arbeiten. Die Chance dazu bietet ein Angebot von ganz Oben. Er soll für gute Publicity der Polizei von L.A. sorgen, indem er einen Showkampf gegen Leland „Lee“ Blanchard, einem in der Fahndung arbeitenden anderen ehemaligen Boxer, bestreitet. Der Preis ist das Ende des Streifendienstes und der Einsatz in der Fahndungsabteilung. Bucky nimmt an, wird Partner von Lee und begegnet damit auch dessen Freundin Kay Lake. Aus diesen Dreien entwickelt sich eine schwierige von unterdrückten Gefühlen geprägte Dreiecksbeziehung, die schon bald vom spektakulären Mordfall Elisabeth Short zusätzlich belastet wird. 

Auf einem leeren Grundstück wird die Leiche einer in der Mitte zerteilten Frau gefunden, erste Untersuchungen ergeben, dass die Frau viel Stunden gefoltert und schließlich ausgeweidet und zerstückelt wurde. Der Fall wird schnell von der Presse hochgespielt und die junge Frau bekommt wegen ihres Auftretens in schwarzer Kleidung und ihrer besonderen Schönheit den Titel die schwarze Dahlie verpasst. Lee und Bucky werden zu der einhundert Mann starken Sonderkommision versetzt und arbeiten dort von Anfang an mit mehr persönlichem Einsatz als für beide gut sein kann. Sie verstricken sich auf unterschiedliche Weise in die Ereignisse und parallel holen Kay und Lee auch noch die dunklen Geheimnisse ihre Vergangenheit wieder ein. Speziell Bucky ermittelt daher, auch als Interesse und Aufwand der Ermittlungen aufgrund fehlender Erkenntnisse abflauen, auf eigene Faust weiter. 

James Ellroy hat einen historischen Roman über die 40er Jahre geschrieben und hält sich was die Ermittlungen und Erkenntnisse der Polizei angeht weitgehend an die historischen Tatsachen. Darauf aufbauend setzt er fiktive Ermittlungsergebnisse, der fiktiven Personen Lee Blanchard und Bucky Bleichert, dabei phantasiert er scheinbar nach dem Motto, ist die Wirklichkeit zu langweilig dann kann sie so eben nicht gewesen sein im Stil einer modernen Verschwörungstheorie. Das Ergebnis ist ein aufregender fiktionaler Roman mit einer dichten und düstern Atmosphäre in dem alle handelnden Personen moralisch fragwürdig handeln. Speziell wird Polizeiwillkür und Gewalt thematisiert, die sich so fast logisch aus dem dort dargestellten amerikanischen Strafverfolgungssystem ergibt. Bei der Polizei dreht sich alles um Festnahme- und Verurteilungsquoten, die mit entsprechd radikalen Mitteln durchgesetzt werden. Die Gesellschaft ist von Rassismus geprägt und der Staat lässt Lücken im System, in denen die Reichen und Mächtigen sakrosankt hocken, wie Maden im Speck.


Eine wahrhaft düstere Welt die da erbärmlich im Schatten des Hollywoodglanzes liegt. Das Buch weiß durch viele Wendungen, geheimnisvolle Figuren und die düsterer Kulisse durchaus zu überzeugen und Bucky Bleichert wächst einem in dieser Welt ans Herz, denn er will dieser armen Elizabeth die Ehre erweisen ihren Mörder zu stellen und das obwohl schnell klar wird, dass er damit alles aufgeben muss das sein Leben bisher ausmachte. Das einer gegen alle Prinzip funktioniert soweit ganz wunderbar aber kritisch anmerken will ich, dass mir am Ende alles ein wenig zu viel war, eine Wendung zu viel, eine Grausamkeit zu viel, eine „Polizist prügelt ein Geständnis aus einem Verdächtigen heraus“ Szene zu viel und vor allem eine „reiche und mächtige Menschen sind pervers“ Botschaft zu viel. Vielleicht wäre das alles nicht so schlimm wenn dieser Roman nicht halbfiktional angelegt wäre. Chronik und Erfindung mischen sich somit ständig und ließen mich ratlos und ziemlich deprimiert zurück. Man merkt das James Ellroy die Realität langweilt (einen schönen Eindruck seiner Persönlichkeit gibt es hier) und ich weiß nicht ob das immer hilfreich ist.
Ich empfand den Roman „Die Schwarze Dahlie“ so als eher ambivalentes Lesevergnügen opulenter Historienkrimi und klischeebehaftete Fiktion in einem.

Kommentare:

  1. Faszinierender Typ, dieser Ellroy. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir trotz dieser überkandidelten Tendenz mal eines seiner Bücher angucken soll. Tolle Buchkritik!

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  2. Der Betrug liegt darin die Realität für die eigene Glaubwürdigkeit zu missbrauchen. Als Zeitbericht gelesen sagt man sich: „Na ja so war das halt damals“ und gut ist es aber in einem Roman kann man nicht einfach alle verrückt und böse machen ohne das auch psychologisch nachzuvollziehen. Letztendlich sind es eben dann doch nur Klischees.
    Ich habe noch ein Zitat wie die reiche Familie vorgestellt wird:

    „Neben dem Kamin stach mir ein ausgestopfter Spaniel ins Auge. […] Balto war damals unser Hund, unser Liebling. Daddys Buchhalter rief an und sagte: Emmett, du bist Millionär. […] Daddy wollte dem Augenblick etwas Denkwürdiges verleihen, und er erschoß ihn.

    Tja so lebt es sich in der Oberschicht. Irgendwie muss man doch die erste Million feiern. Oder?

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  3. Die Geschichte kommt mir aus irgendeinem Grund bekannt vor :D
    Aber ja, so ungefähr scheint das Ellroy-Universum zu funktionieren. Was für ein Typ.

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  4. Na ja was mache ich mir da überhaupt Gedanken:

    http://www.lovelybooks.de/leserpreis/2011/

    Schau dir mal die Leserpreise Krimi an...

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  5. *g*
    Diesen Autoren ist die Realität des Verbrechens auch zu langweilig. Einfach nur jemanden umbringen, das kann ja schließlich jeder.

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